Watch Dogs 2 im Test

„Bunter, lauter, lebendiger“

28. November 2016

Zugegeben, wie viele andere war ich auch skeptisch. Ich verlasse mich grundsätzlich nicht auf Vorab-Videos. Ich bilde mir ein Urteil, wenn das Spiel auf der eigenen Festplatte des PCs, oder der PlayStation 4 installiert ist und läuft.

Skeptisch, deshalb, weil ich als Assassin’s Creed Veteran Assassin’s Creed Syndicate eher sehr schwach fand. Weil mich The Division auch nicht so vom Hocker gehauen hat und Far Cry Primal zwar ein paar tolle Ideen einstreute, aber am Ende wieder auf die typischen Erorbern-Schemata zurückgriff, wie man sie von Ubisoft Spielen bis dato hinlänglich kannte. Auch der erste Teil der Serie (Watch_Dogs) hat mich damals etwas enttäuscht. Wobei ich das düstere Chicago-Setting und den Protagonisten Aiden Pearce äußerst gelungen fand.

Watch Dogs 2 macht vieles anders und auch vieles besser! Es ist mehr los, es ist bunter und es ist lauter.

Watch Dogs 2

Bunter, lauter, lebendiger

Die Thematik ist – man könnte fast sagen – tagesaktuell. Gerade gestern ist die Telekom hier Deutschland gehackt worden. Interessant, denn in Watch Dogs 2 besteht die Hauptbeschäftigung aus Hacken.

Ubisoft schreibt zur Spielinfo:

„Die Spieler schlüpfen in die Rolle von Marcus Holloway, einem brillianten jungen Hacker, der in der Wiege der technologischen Revolution, in der San Francisco Bay Area, lebt.

 

Sie schließen sich Dedsec, einer berüchtigten Hackergruppe, an und decken die verborgenen Gefahren von ctOS 2.0 auf, das in der Hand korrupter Unternehmen genutzt werden kann, um Bürger in großem Umfang zu überwachen und zu manipulieren.“

Und das ist wirklich gut gelungen. Man hat schnell rausgefunden, wie man die Autos, Kameras, Smartphones und anderes in der Welt von Watch Dogs 2 hackt und zu seinem Vorteil nutzen kann. Und man kann versuchen andere, bessere Wege zu finden. Das macht auch Spaß. Vor allem, wenn man später mit Drohnen unterwegs ist, um die Gegend auszukundschaften.

In Watch Dogs 2 besteht die Hauptbeschäftigung aus Hacken. Die Thematik ist – man könnte fast sagen – tagesaktuell.

Was mich besonders beeindruckt, ist das flüssige Spielgeschehen. Drohne, Bot, hacken, fahren, laufen, schwimmen etc. geht ohne Nachladen oder Ruckeln vonstatten. Einen Absturz hatte ich bisher auch noch nicht und das wohlgemerkt auf der „alten“ PS4.

Watch Dogs 2 wird ja gern mit GTA 5 verglichen. Vorab, es kommt – meines Erachtens nach – nicht wirklich an GTA 5 ran. Das muss es aber auch nicht. Dafür hat GTA 5 manchmal einfach etwas mehr zu bieten und die Nase beim Fahren, der Größe der Welt und bei Straßentexturen (SIC!) einfach vorn. Allerdings sei ganz klar gesagt: Watch Dogs 2 ist wirklich prima und den Kauf allemal wert. Ein Vergleich zu GTA 5 ist auch irgendwie ungerecht.

Die Spielwelt von Watch Dogs 2

San Francisco und Oakland sowie Marin sind spiel und erlebar. Vielleicht aber ein wenig zu klein.

Die Spielwelt ist sehr detailliert gestaltet. San Francisco und Oakland sowie Marin sind spiel und erlebar. Zwar nicht in Orignalgröße aber trotzdem toll eingefangen. Inklusive Coit Tower, Golden Gate Bridge, Cable Cars, Lombard Street, Alcatraz und Seelöwen am Pier 39.

Sehr gut gelungen ist die Gestaltung, sowie der Tagesablauf der NPCs. Hier macht Watch Dogs 2 vieles besser bzw. realistischer und abwechslungsreicher als GTA 5. Die virtuellen Bewohner San Franciscos wirken auf mich echter. Sie stehen zusammen, gehen mit dem Hund Gassi (warum gibt es in Watch Dogs 2 eigentlich keine Katzen?), andere tanzen, gehen ihrer Arbeit nach, wiederum andere grillen am Strand.

Witzig: Wenn man ein Foto mit dem Smartphone machen möchte, reagieren manche NPCs. Es werden so auch viele kleine Storys erzählt. Es lohnt sich anzuhalten, den Gesprächen zu lauschen und das eine oder andere Mal die Wendung im Gespräch zu erleben und die Reaktion der sich Unterhaltenden zu beobachten. Da habe ich schon mehrmals herzlich gelacht. Mehr will ich an dieser Stelle aber nicht spoilern.

Die virtuellen Bewohner San Franciscos wirken auf mich echter als in GTA 5.

Die Welt ist, wie erwähnt, echt prima. Vielleicht aber ein wenig zu klein. Man gelangt meiner Meinung nach zu schnell von Punkt A nach Punkt B, wenn man mit dem Wagen fährt. Hier vermisse ich persönlich die langen Fahrten auf den Highways a la GTA 5. Auch wenn man etwas ins Grüne raus fahren möchte, ist leider schnell der Rand der Welt erreicht. Manko: Hier wird man unsanft mittels Meldung darauf hingewiesen. Das hätte man definitiv besser lösen können.

Aber das ist wirklich Jammern auf hohem Niveau. Watch Dogs 2 ist im Großen und Ganzen ein gutes Spiel.

Die Hackertruppe ist cool. Manchmal etwas zu cool und zu überzogen. Es werden knallhart alle Klischees bedient. Die deutsche Synchronisation ist gut, aber das Original ist natürlich wesentlich besser.

Dedsec

Die Hackertruppe ist cool. Manchmal etwas zu cool und zu überzogen.

Kritikpunkte? Ja, wenn auch subjektiv.

Die Welt ist voller Leben, aber dort wo man es erwarten würde, ist es plötzlich still. Keine Waale in der Bay, keine Haie um Alcatraz. Weder Hirsch, Reh, noch Hase im Wald. Keine Katzen, dafür viele Hunde. Die sehen sogar gut aus und sind ihren Rassen entsprechend wirklichkeitsgetreu nachgebildet.

Das Wasser sieht irgendwie aus wie ausgelaufenes Kühlgel, also nicht so schön. Schwimmen ist machbar, tauchen kann man nicht. Etwas mehr Wellen am Strand des Pazifischen Ozean wären auch prima. So erinnert es am Ufer eher an eine Pfütze. Das Wetter beschränkt sich auf Sonne, Nebel und immer gleichen Regen, also kein Gewitter. Der Regen ist durchschnittlich gelungen. Da finde ich das Wetter bei Witcher 3, GTA 5 und Fallout 4 viel besser. Für mich kein Highlight. Dafür ist der Himmel bzw. die Skybox ganz gut gelungen. Schöne Wolken, Kondensstreifen, Sonnenauf- und Untergänge. Der Nachthimmel überzeugt durch einen realistischen Mond und Sternhimmel. Ich habe etwa den Großen Wagen entdecken können.

Doof ist: Es gibt Fahrradwege aber keine Fahrräder. Es gibt Flugzeuggeräusche aber keine Flugzeuge und mit einem Flugzeug fliegen kann man daher auch nicht. Es gibt Schienen aber keine Züge die fahren. Es gibt Unfälle mit Feuer aber keine Feuerwehr. Dafür gibt es Krankenwagen. Auch sind bei Verkehrsunfällen die übrigen Verkehrsteilnehmer recht dumm. Da müsste nachgebessert werden.

Die Polizei ist manchmal gut und manchmal fragt man sich was machen die da? Nervig ist das monotone Gebrüll der Protagonistin aus dem Lautsprecher der Polizeiwagen. Der Sound der Autos ist nicht so gelungen, wie ich finde, wohingegen man sich an das Fahrgefühl bzw. die Steuerung gewöhnt. Allerdings ist es eine Umstellung, wenn man gerade von Mafia 3 oder GTA 5 herüberkommt.

Das Schadensmodell ist ok und die Autos explodieren auch recht nett. Wirklich nicht gelungen ist die Cockpit-Perspektive in den Fahrzeugen. Das Armaturenbrett ist hässlich unscharf und verwaschen und die Sicht eingeschränkt. Aber dafür gibt es mehre Perspektiven. Sodass sicher für jeden das Passende dabei ist. Warum man den Leitstrahl auf der Straße nicht abschalten kann ist mir ein Rätsel? Die Minimap samt Navigator reicht doch aus!

Man hat sich ordentlich an GTA5 orientiert, vieles gut kopiert und manches sogar besser gemacht. Der Soundtrack und die Radiostation sind ok. Zwar nicht das Non plus ultra aber ganz passend und ohnehin Geschmackssache. Ich fahre meist ohne Musik. Dafür ist der Umgebungssound sehr gelungen. Hier etwas Wind, dort ein Vögelchen, da raschelt es und so weiter.

Hier und da gibt es mal kleine Grafik-Glitches, aber nichts wirklich gravierendes.

Kritikpunkte? Ja, wenn auch subjektiv. Die Welt ist voller Leben, aber dort wo man es erwarten würde, ist es plötzlich still.

Insgesamt ist Ubisoft mit Watch Dogs 2 ein großer Wurf gelungen. Und man hat sich vom „Türme-Erobern-Schema“ verabschiedet. Die Welt, die zugegebenermaßen nicht groß ist, liegt sofort offen da und es gibt auch sofort Schnellreisepunkte. Innerhalb dieser Welt kann man sich frei bewegen.

Das alles macht auch Hoffnung auf kommende Ubisoft-Titel, wie zum Besipiel Tom Clancy’s Ghost Recon® Wildlands und vielleicht einem möglichen Watch Dogs 3 oder gar Assassin’s Creed Teil.

Und wichtig ist: Watch Dogs 2 macht Spaß! Es macht Spaß die vielen kleinen Dinge zu entdecken, die Events – manche online andere offline – zu erleben. Es ist manchmal lustig und manchmal beängstigend, wenn man die Parallelen zur Realwelt erkennt. Gerade auch was das Hacking betrifft und die Macht der Konzerne.

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich rechts ranfahre und einfach nur den Sonnenuntergang genieße, ein anderes mal laufe ich über den Nudle-Campus (Google 🙂 ) und lausche den Gesprächen der NPCs.

Das tolle an Watch Dogs 2 ist: Man kann es spielen wie man möchte. Entweder man folgt stringent den Missionen und versucht das Ende so schnell wie möglich zu erreichen, oder man flaniert durch die Stadt, streichelt einen Hund, kauft sich neue Klamotten probiert neue Hacks aus, die man mittels Erfahrungspunkten lernen kann oder lässt einfach mal das Chaos frei, indem man Autos fremdgesteuert durch die Gegend fahren lässt. Vielleicht passiert auch was, wenn ich den einen oder anderen Schalter oder den Gullideckel manipuliere? (Spoiler: Es passiert einiges!)

Mit den DLCs und vielleicht noch der einen oder anderen größeren Erweiterung, kann Watch Dogs 2 ein Dauergast auf der Festplatte werden.

Fazit: Watch Dogs 2 – Erstaunlich gut gelungen! Gut gemacht Ubisoft!

Gastautor

Marcus aka "Mac Josetty"

Mac spielt seit den frühen 1980er Computer- und Videospiele. Er ist Kreativer, Fotomacher, Abenteurer, Designer, Blogger, Genießer, Reisender. Zudem bloggt er auf burgturm.de über alles was man(n) mag.